Kolumnen

KRIEG IN BERLIN

 

KOLUMNEN VON ROBERT KRIEG

Krieg ist ein Zugezogener.  Schauspieler von Beruf.

In diese Stadt gekommen, um das große Geheimnis zu lüften.

Wird er in Berlin eine Antwort finden?

 

 

 

 

Die erste Kolumne

Gestern Abend wurden Kris Kühn und ich zu einer Geburtstagsfeier nach Lichtenberg eingeladen.

Wir fuhren von Charlottenburg mit der U7 zur Jungfernheide, um dort in die Ringbahn 41 umzusteigen. 50 Minuten später waren wir in der Storkower Strasse.

Lichtenberg! Dort wo die Linke bei der letzten Berlin-Wahl noch immer die meisten Stimmen bekommen hat, wo aber auch die AfD fast 20% der Wähler für sich gewinnen konnte und heute sogar einen Stadtrat stellen darf.
Lichtenberg! Dort wo Berlin so anders aussieht als in Charlottenburg.
Alles so … na wie kann ich das sagen, so grau ist.

„Auschwitz, halt!“, hätte jetzt Sofian gesagt, mein französischer Freund aus Rom, der jedes Mal, wenn er mich in Berlin besuchte und in Schönefeld ankam, sich neu wunderte, dass diese Weltstadt „so still“, „so karg“, „so energielos“, „so tot“ ist.
„So stelle ich mir Auschwitz vor!“, sagte er dann und entspannte sich erst, wenn wir in Kreuzberg umringt vom bunten Treiben, einen Dürüm aßen.

Seit wir uns wegen eines blöden Streits nicht mehr hören, gibt es keinen Tag mehr, an dem ich nicht in eine Situation gerate, in der ich sage: „ Sofian hätte jetzt das gesagt … Sofian hätte jetzt das gemacht … Sofian hätte jetzt das gedacht …“

„Deswegen hast du zugenommen, Krieg,“ unterbricht Kris Kühn mein Schwelgen in Erinnerungen, „du versuchst gerade diese Lücke in dir mit Brötchen zu füllen. Halte dich heute beim Geburtstagsbuffet ein wenig zurück. Du drehst in ein paar Wochen. Und ich möchte nicht wieder dein Jammern hören, warum du bloß im Fernsehen so dick erscheinst.“

Mein treuer Wegbegleiter Ricky Zahn ist 50 geworden. 50. Ein halbes Jahrhundert Leben. 50 Jahre geliebt, gelacht, getrauert, gehofft, gearbeitet, gekämpft und gespielt, ja vor allem Klavier gespielt.

Ricky Zahn ist nämlich Pianist. Und was für einer. Einer von denen, der noch sein Instrument beherrscht und virtuos Mozart, Bach und Beethoven spielen kann, heute aber nach einer Musik sucht, die anders ist. Neu. Neue Musik.

Chhhhhhhhh.Krrrrr.Sssssst.t.t.puhhhhhh.fffff.guuhhhhh.lissssssssssssst …

Eine Geräusch- und Klangwelt, die für mich als Italo-Pop-Maniak nur schwer zugänglich ist.

Zwei völlig fremde Welten prallen da zusammen. Und doch. Ricky Zahn ist mein treuester Wegbegleiter ever. 4 Bühnenprogramme. 15 Jahre Zusammenarbeit.
Und das alles, weil wir nie versucht haben, den andern zu verändern. Weil wir uns so fremd waren, dass wir aufmerksam zuhören mussten, um den anderen zu verstehen. Weil wir stets Respekt vor dem anderen hatten. Weil uns immer bewusst war, wer was kann und wer welche Rolle in diesem Zusammenspiel spielt.

„Und weil ihr nie den Sex regeln musstet.“ ergänzt Kris Kühn meinen Gedankengang.
„Sobald Sex im Spiel ist, wird es kompliziert. Ein Kämpfen und Ringen, um diese wichtigste Nebensache der Welt zu bändigen und zu zügeln. Was meinst du, weshalb der Kopf jeder Religion ein Mann ist? Und eine Hete? Doch nicht etwa wegen eines göttlichen Naturgesetzes. Nein, Krieg, das ist schlicht und ergreifend die Angst des Menschen, das, was er nicht kennt und für ihn zu stark erscheint, kontrollieren zu wollen.“

„Was ist das denn?“, sage ich plötzlich, als Kris Kühn und ich vor einem in den Himmel ragenden Hochhaus stehen. Völlig unerwartet, in mitten einer grauen, rohen Landschaft, steht ein bunt bemaltes Hochhaus. Wie staunende Kinder stehen wir davor und betrachten dieses farbenfrohe Gebäude und ich denke, wie gut es doch tut, dass es Gegensätze gibt. Wie gut es doch ist, dass wir immer wieder mit Dingen konfrontiert werden, die wir nicht kennen und die wir für Unmöglich glaubten.

Ich wage sogar zu denken, dass alles, dem wir begegnen, was nicht vorher bereits gedacht oder geplant war, im Grunde vielleicht Glück ist. Dieses unerwartete Etwas, das unserem Sein Bewegung bringt, das Leben bunt, ja gar magisch macht.